Theater Naumburg

Ensemble

Antonio Gerolamo Fancellu

AN MEINE NATION

Ob ich mich nach dir sehne, mia bella Italia? Ach, so unerträglich ist meine Sehnsucht, dass heute, wo du so verletzt bist so schwach, du kranke alte Dame der europäischen wirtschaftlichen Risikogruppe, neben deinem Sterbebett würde ich erscheinen um dir ins Ohr diese letzten Worte flüstern zu können …

„Kein arabisches Volk, kein Volk des
Balkans, kein Volk der Antike
aber eine lebendige Nation,
aber eine europäische Nation:
Und was bist du?
Ein Land von Infanten, Hungrigen,
Korrupten, Machthabern, angestellt von
Gutsbesitzern,
von rückständigen Verwaltungsbeamten,
von mickrigen Rechtsanwälten mit
öligem Haar und schmutzigen Füßen,
von liberalen Beamten, Verrätern,
wie ihre bigotten Onkel,
eine Kaserne, ein Priesterseminar,
ein freier Strand, ein Bordell!
Millionen Kleinbürger
sowie Millionen Schweine
schieben sich weidend unter den
unversehrten Bauten der Macht
zwischen kolonialen Häusern,
die zerbröckeln wie Kirchen.
Gerade weil du existiert hast,
existierst du jetzt nicht.
Gerade weil du bewusst warst,
bist du unbewusst.
Und nur weil du katholisch bist,
kannst du nicht denken,
dass dein Übel alles Übel ist:
Schuld allen Übels
Versinke in deinem schönen Meer,
befreie die Welt.“

Pier Paolo Pasolini, 1961

© 2020 Torsten Biel