Theater
Naumburg

Ensemble

Jörg Vogel

IST SEHNSUCHT SYSTEMRELEVANT ?

Für das „System Mensch“ ist die Sehnsucht relevant. So wie das Theater zwar nicht systemrelevant für die Gesellschaft ist, aber doch unabdingbar. Was wäre denn der Mensch ohne die Sehnsucht? Sie gibt die Fähigkeit zur Projektion, zum Wünschen, zum Träumen und zum Hoffen. Ich sehne mich ja immer nach etwas, das nicht da ist.

„Nach Moskau ziehen. Das Haus verkaufen, mit allem hier Schluss machen und – nach Moskau …“ klagt Irena in Tschechows „Drei Schwestern“ – so hat jeder seinen Sehnsuchtsort, den es zu erreichen gilt, der aber oft in unüberwindbarer Ferne liegt. Warum leben wir nicht dort, wo es uns hinzieht. Was passiert, wenn sich unsere Sehnsuchtsorte als Ab-Orte erweisen.

Das Theater ist für mich ein Sehnsuchtsort. Es war wohl immer schon eine tiefes Bedürfnis der Menschen, zusammen zu kommen und sich Geschichten zu erzählen, Geschichten, die von ihnen handeln, von Leid und Freude, Angst, Hoffnung und Glück – und vor allem von ihren Sehnsüchten und dem, was geschieht, wenn sie den Mut finden, diesen nachzugehen. Das Theater stillt und erweckt die Sehnsucht zugleich.

„In zweihundert, dreihundert, schließlich in tausend Jahren (…) wird ein neues, glückliches Leben anbrechen. An diesem Leben teilnehmen werden wir natürlich nicht, aber wir leben heute dafür, arbeiten, ja leiden, wir erschaffen es – allein darin liegt der Zweck unseres Daseins und, wenn Sie so wollen, unser Glück.“ (Veršinin „Drei Schwestern“)

Heute arbeiten wir nicht mehr an einem glücklicheren Leben in dreihundert oder tausend Jahren – im Gegenteil, wir hören nicht auf diese Erde zu zerstören. Wo ist unser Streben und unsere Sehnsucht danach, für eine bessere Welt – für alle ! - zu kämpfen? Diese wiederzufinden und sie als Maßstab unseres Handelns zu begreifen ist eine große Herausforderung unserer Zeit.

© 2020 Torsten Biel