Theater Naumburg

Ensemble

Stefan Neugebauer

ICH BIN EIN BERLINER

Stefan Neugebauer

Intendant Theater Naumburg

Ich weiß nicht, wie oft ich mir die Frage, wer ich sei, schon gestellt habe. Als Kind sicherlich weniger, wenngleich ich da immer jemand anderes sein wollte als ich selbst, denn einer der anderen, der immerhin zu meinen besten Freunden zählte, war so beliebt, dass ihm alles zuflog. Als Jugendlicher war es noch schlimmer, denn jetzt flogen ihm auch noch alle Mädchenherzen zu. Und ich ging leer aus und musste mich mit der Rolle des Zuschauers begnügen, während er ein echter Akteur des Lebens war.

In den 80iger Jahren kam noch eine andere Frage hinzu, wer ich denn sei, dass man so mit mir verfahre. Ich fühlte mich von der Staatsgewalt gegängelt, von meinen Eltern bevormundet und blieb mir selbst ein Rätsel, bis ich endlich Thomas Mann und Hermann Hesse entdeckte. Da gab es plötzlich literarische Figuren, denen ich mich verwandt fühlte, die sprachen zwar vor allem über sich und ihr Außenseitertum, aber zugleich sprachen sie mir so aus dem Herzen, dass ich endlich meinte, Seelenverwandte gefunden zu haben.

Ich ahnte noch nicht, dass einen die Frage, wer man sei, sein Leben lang beschäftigt. Wer bin ich denn, wenn ich Vater oder Ehemann oder Intendant spiele? Spiele ich diese Rollen nur, oder bin ich wirklich eins mit ihnen? Immerhin darf ich diese Rollen frei gestalten. Da bin ich zugleich Regisseur und Akteur. Oder ist es vielmehr so, dass wir in keiner der Rollen ganz aufgehen, weil das ICH eine höchst fragwürdige Angelegenheit ist.

Andererseits darf man getrost festhalten, dass sich im Laufe der Jahre dank der familiären und beruflichen Festlegungen eine Art Identität heraus kristallisiert. Da hat mein Lieblingsphilosoph (Friedrich Nietzsche) wieder mal recht, wenn er schreibt: „Werde, wer du bist!“ Denn unser Ziel sollte ein selbstbestimmtes Leben sein, das im Einklang mit den wahren Bedürfnissen unseres rätselhaften ICH’s steht.

Es sieht so aus, als ob die Karten des ICH’s immer wieder neu gemischt werden, so dass unsere Aufgabe darin besteht, sehr genau unser „Blatt“ zu lesen, um nicht das Spiel zu verlieren. Und wenn man beim Spiel des Lebens sein Gegenüber nicht als Gegen- sondern Mitspieler begreift, ist man auch bei einem vermeintlich schlechten Blatt gut aufgehoben.

Und da mein ICH so gerne zitiert, möchte es mit einer kleinen Hommage an die Stadt Naumburg schließen: „Ich bin ein Naumburger.“

© 2019 Torsten Biel